Der folgende Text stammt aus dem Schulbuch "Eintauchen 1"
Diese neue Lesebuchreihe besticht vor allem durch die Betonung des Aspekts des ganzheitlichen Lernens. Jeder Band enthält u.A. jeweils ein Kapitel zu einem "klassischen" Jugendbuchautor (Band 1 H. Ch. Andersen), zur Musik (Band 1 W. A. Mozart), zur Kunst (Band 1 P. Klee) und als Besonderheit Originalbeiträge eines zeitgenössischen Jugendbuchautors (Band 1: Rudolf Gigler). Im Anhang finden sich "Denkanstöße", die zur Selbsttätigkeit der SchülerInnen anregen sowie ein bebildertes Autorenverzeichnis.
ISBN: 3-209-04126-1
Verlag: öbv&hpt
Erscheinungsjahr: 2003
Besuch in der Werkstatt des
Kinder- und Jugendbuchautors Rudolf Gigler
Vielleicht hast auch du dich schon einmal gefragt, wie man ein Autor wird?
Wie, wann und wo schreiben sie ihre Geschichten?
Ist es schwierig oder einfach diese Arbeit zu erledigen?
Sind Autoren gute SchülerInnen gewesen?
Wie sieht der Alltag eines schreibenden Menschen aus?Um all diese Fragen zu beantworten, wird es das Beste sein, du besuchst mich in meiner Werkstatt.
Wenn ich an eine Werkstatt denke, kommt mir mein Onkel in den Sinn, der eine kleine Tischlerei hatte und einfache Möbelstücke anfertigte. Als Kind besuchte ich ihn dort oft. Es war ein wahres Paradies für mich. Ich durfte kleinere Holzstücke bearbeiten, konnte sägen, schleifen, leimen und durfte manchmal sogar hobeln.
Das Schreiben von Geschichten ist auch eine Art Handwerk und je mehr man schreibt umso besser beherrscht man es. Jeder gute Tischler hat eine Lehrzeit zu absolvieren. Meine „erste“ Lehrzeit für das Schreiben war meine Schulzeit in Hartberg in der Steiermark. In den meisten Fächern war ich ein durchschnittlicher Schüler, aber das Schreiben von Aufsätzen und das Lesen von Büchern machte mir fast so viel Spaß, wie das Fußballspielen. Mein großes Glück war, dass ich einen sehr einfühlsamen Lehrer hatte, der nicht nur meine Rechtschreibfehler sah, sondern auch meinen Stil lobte.
Herr Ernst Vasovec, so hieß mein Lehrer, war auch Schriftsteller und einmal meinte er sogar: „Gigler, aus dir könnte einmal ein recht guter Schreiber werden.“ Das spornte mich an und ich begann mehr als nur das Notwendigste zu schreiben. Auch später, als Jugendlicher, schrieb ich Geschichten nieder und das Lesen war immer eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Dass ich einmal Bücher schreiben würde und davon sogar meinen Lebensunterhalt verdienen könnte, das wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen.
Auch im späteren Berufsleben hatte ich immer wieder mit dem Verfassen von Texten zu tun. In meiner Funktion als Direktionsassistent in einer großen Gastronomiekette in Wien war ich oft der Lieferant für neue Ideen und die dazupassenden Texte. Nach der Geburt unseres ersten Sohnes Florian folgte der Umzug zurück in die Steiermark. In Stubenberg am See entstanden abends beim Erzählen nahezu täglich neue Geschichten in meinem Kopf. Weil es so viele waren, begann ich diese auf einer alten Schreibmaschine nieder zu schreiben. Versuchsweise schickte ich einige Geschichten an den ORF für die Sendung „Das Traummännlein kommt“, eine Gutenachtsendung für die kleinen Hörer.
Zu meiner Überraschung wurden einige genommen und danach des Öfteren gesendet. Jeden Tag um dieselbe Zeit gab es eine Kurzgeschichte.
Das ermutigte mich wiederum weitere Geschichten einem Verlag anzubieten. Im Jahr 1985 erschien das erste Buch „Der Faulpelz“ im Mangold Verlag in Graz. Darauf ging es Schlag auf Schlag weiter. Ich wurde zu einer Lesung an eine Schule eingeladen, von der die SchülerInnen und LehrerInnen begeistert waren. Das sprach sich herum und es kamen immer mehr Anfragen nach Lesungen und später auch nach Literaturwerkstätten.
Neben meiner Tätigkeit in der Bundesportschule Schielleiten war es mir bald nicht mehr möglich beides zu vereinbaren. 1993 entschloss ich mich den Weg ins Abenteuer zu wagen, gab meinen Job auf und wurde freischaffender Schriftsteller. Seit damals verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt als Autor und Herausgeber. In der Zwischenzeit kamen nicht nur die Söhne Claus und Bernhard dazu, sondern auch eine Menge an Buchveröffentlichungen. Meine Lesereisen führen mich durch ganz Österreich, in die Schweiz, nach Deutschland und Südtirol.
Aber nun wieder zurück in meine Werkstatt. Im Vergleich zu einer Tischlerei, gibt es meiner keine Sägen, weder Schleifpapier noch Leimtöpfe und Holzstücke liegen auch nicht umher.
Meine Werkstatt ist das so genannte Studio im Obergeschoss unseres Hauses. Durch eine kleine offene Galerie bin ich mit den unteren Räumen des Hauses verbunden und somit in das Familienleben immer eingebunden. Das Schreiben findet daher nicht im stillen Kämmerlein, sondern mitten im „Leben“ statt. Es gibt ein Ein und Aus von Freunden unseres jüngsten Sohnes Bernhard und an den Wochenenden, wenn die „zwei großen Söhne“ auch daheim sind, geht’s richtig rund.
In meinem Studio befinden sich ein Computer, zwei Drucker ein Faxgerät, eine Unmenge an Ordnern und Laden und vor allem viele Bücher. Die verschiedenen Gerätschaften sind in meinem Fall meine „Werkzeuge“. Und doch hat das Schreiben wiederum auch viel mit dem Herstellen eines Möbelstückes gemeinsam. Der Tischler muss für seine Möbel, die er anfertigt, einen Plan zeichnen, bevor er mit der Arbeit beginnt. Meine Pläne, für neue Geschichten entstehen zunächst einmal im Kopf.
Diese Idee begleitet mich dann ständig und lässt mich manchmal nicht einschlafen. Irgendwann will die Geschichte endgültig aus meinem Kopf heraus, dann setze ich mich an meinen Computer und beginne mit dem Niederschreiben. Das Schöne daran ist, dass die Geschichte förmlich herausfließt. Während des Schreibens verändert sich die Idee, in dem ich neue Personen in die Handlung hereinnehme, die dann wiederum ein Eigenleben entwickeln. Oft habe ich dabei das Gefühl, dass ich ein Beobachter bin und schriftlich festhalte, was ich in meiner Fantasie sehe.
Der Text ist meistens schnell fertig, oftmals ist es überraschend für mich, dass die Geschichte so ein Ende gefunden hat. Und so wie ein Tischler hobelt, feilt und schleift, bis seine Arbeit vollendet ist, muss auch ich nun mit der Feinarbeit beginnen. Wortwiederholungen werden ausgebessert, Sätze umformuliert oder an einer anderen Stelle eingesetzt.
Das Überarbeiten zählt für mich zu den anstrengenden Dingen. Dabei habe ich gute, aber auch „strenge Helfer“. Meine Frau ist immer die Erste, die meine Texte liest. Sie ist eine sehr gute Erzählerin, daher nehme ich ihre Anregungen gerne an. Die nächste Hürde, die meine Geschichte überspringen muss, ist mein jüngster Sohn. Fragt er nach dem Lesen: „Papa, ist diese Geschichte von dir?“, kann ich mit Sicherheit rechnen, dass sie nicht besonders gut bei ihm angekommen ist. Sagt er aber: „Die ist super! Woher hast du sie?“, weiß ich, dass mir was Gutes gelungen ist.
Zu guter Letzt wird der Text von der Lektorin begutachtet und eventuelle Änderungen vorgenommen. Vielleicht kommt dir das mit dem Aus- und verbessern bekannt vor und erinnert dich an die Schule. Wenn man es genau betrachtet, haben Schüler und Autoren den gleichen Beruf. Du glaubst es nicht?
Doch! Schüler schreiben Texte, Autoren schreiben Texte. Schüler haben Leser — ihre Lehrer — und Autoren haben ihre Leser. Und beide, Schüler als auch Autoren, haben das Ziel, Texte zu schreiben, die ihren Lesern gefallen. Um Schülern dabei zu helfen, dieses Ziel zu erreichen, halte ich in Schulen Schreibwerkstätten ab. Dabei ist es für mich eine besondere Herausforderung, auch Schüler, die nicht so gerne Texte schreiben, dazu zu animieren Geschichten aufs Papier zu bringen.
Auch diejenigen, welche Angst davor haben viele Rechtschreibfehler zu machen oder denken, keine guten Texte schreiben zu können, machen mit. Sie erhalten von mir den nötigen Kick und erleben, dass Schreiben auch Spaß machen kann. Für mich und die damit beschäftigten LehrerInnen ist es oft erstaunlich, was diese so genannten „schlechten Schüler“ zu Stande bringen. Und vor allem ist es eine Freude zu sehen, wie ihr Selbstbewusstsein dadurch steigt. Sie freuen sich regelrecht auf den nächsten Aufsatz.
Auf diese Weise entstanden 14 Bücher und viele gebundene Broschüren. Insgesamt sind so bereits über 3000 Seiten mit verschiedenen Geschichten, Gedichten und Reimen entstanden.
Diese Literaturwerkstätten und viele Lesungen erfordern es auch, dass ich einige Monate des Jahres mit meiner mobilen „Werkstatt“, dem Notebook, unterwegs bin. Nach den Lesungen am Vormittag und einer Verschnaufpause sitze ich in einem Hotelzimmer und schreibe Geschichten, bearbeite Texte von aktuellen Schreibwerkstätten oder lese angebotene Theaterstücke für meinen Theaterverlag durch.
Theaterverlag? Da das Einkommen eines Schriftstellers nie gesichert ist, suchte ich mir ein zweites berufliches Standbein und gründete deshalb einen Verlag vor allem für Schultheaterstücke. Somit bin ich nicht nur Schriftsteller, sondern auch Verleger. Diese Arbeit teile ich mit meiner Frau. Gemeinsam suchen wir die uns angebotenen Texte aus, bearbeiten sie, erstellen das Layout, schließen mit den Autoren die Verträge ab und vieles mehr. Schulen im gesamten deutschsprachigen Raum beziehen unsere Theaterstücke. Sogar die Deutschen Schulen in Taipei, Singapur und Budapest gehören zu unseren Kunden.
So, nun hast du Einblick in meine Werkstatt erhalten und kannst dir ein wenig vorstellen, wie sich meine Arbeit gestaltet.
Im Vorfeld zu einer meiner Lesereisen nach Südtirol wurden Schüler darüber befragt, wie sie sich das Leben eines Autors vorstellen. Dabei kam es zu interessanten Vermutungen. Fast alle nahmen an, dass Autoren einen Bart tragen. Weiters waren viele der Meinung, Autoren schlafen am Morgen lang, gehen dafür aber spät zu Bett. Einige stellten sich vor, dass Schriftsteller für ihre Familien einkaufen gehen und fleißig beten. Sicher waren sich fast alle darin, dass Autoren ihren Kindern Geschichten vorlesen und mit ihnen spielen. Etwas verwirrend für mich war allerdings die Annahme eines Kindes, das meinte, alle Autoren wären sowieso bereits gestorben.
Für mich trifft zu, dass ich einen Bart trage und manchmal für meine Familie einkaufen gehe. Wenn es möglich ist, schlafe ich morgens länger und bleibe abends oft bis spät in die Nacht auf. Ich bete dann brav und das Beste ist: ICH LEBE NOCH!